Ausbildungsreferat der Sektion Forchheim


Zuckerhütl
Die sehr persönliche Geschichte einer Führungstour

Da stehe ich nun, auf ca. 3500 Meter Höhe, auf dem Zuckerhütl in den Stubaier Alpen. Ein wenig außer Atem bin ich, aber vor allem atemlos durch das Gipfelerlebnis, das großartige Gefühl, jetzt hier zu sein.

Was ist am Zuckerhütl so Besonderes? Nun, für mich v.a. die Tatsache, dass es mein erster Alpengipfel überhaupt ist. So wie diese Tour meine erste richtige Bergtour überhaupt ist. Berge kannte ich bisher fast nur vom Skifahren, und da sind Gipfelbegehungen naturgemäß eher selten. Noch nicht mal eine Skitour habe ich zuvor gemacht. Klar, ich gehe klettern, kann mit der Ausrüstung umgehen, bin trittsicher und schwindelfrei - aber das hier ist etwas Neues, Anderes: Der Sprung vom Frankenjura ins Hochgebirge, ohne Zwischenetappen. Die Tour aufs Zuckerhütl ist also gewissermaßen meine Initiation als Bergsteigerin.

Angefangen hatte die Führungstour unter Leitung von Hendrik Wagenseil zwei Tage zuvor an einem Wanderparkplatz im Stubaital. Wir schulterten die schweren Rucksäcke und wanderten gemächlich 600 Höhenmeter bis zur Sulzenau-Hütte. Wir, das sind der Fachübungsleiter Hendrik Wagenseil, Geli Schmidl als Leiterin der zweiten Seilschaft und vier mehr oder weniger erfahrene Teilnehmer. Am wenigsten erfahren und umso neugieriger: ich. Schon die Hüttennacht war fast ein Abenteuer, schließlich schlief ich das erste Mal in einem Lager. Und ich muss sagen, ich schlief hervorragend.

Am zweiten Tag stand uns der Aufstieg über den Sulzenauferner bevor - eine selten begangene Route, was daran zu erkennen war, dass der gesamte Gletscher unverspurt war. Nach 1200 Höhenmetern oder acht Stunden Bergeinsamkeit kamen wir an der Hildesheimer Hütte an, mehr oder weniger erschöpft, in jedem Fall aber zufrieden. Keine Spalte hatte uns verschluckt, kein Steinschlag uns getroffen, und auch verhungert waren wir nicht, obwohl ich kurzzeitig die Befürchtung hatte.

Und für heute steht also mein erster Gipfel auf dem Programm: Das Zuckerhütl. Der Aufstieg ist weit weniger anstrengend gewesen als der am Tag zuvor, das Wetter ist bisher wunderbar, der Blick vom Gipfel großartig. Hendrik hat uns vor dem Gipfelanstieg geduldig erklärt, was man in diesem Gelände alles falsch machen kann: Der Hauptfehler ist das Gehen in Seilschaft in absturzgefährdetem Gelände, was Mitreißunfälle ermöglicht. Wir selbst haben das Zuckerhütl folgerichtig nicht in Seilschaft bestiegen, sondern sind das letzte, steile Stück unangeseilt gegangen, was durch die gute Spur auch kein Problem war. Und wir wollen lieber nicht so genau hinsehen, wie das bei den vielen anderen Gruppen aussieht.

Nachdem ich auch noch gelernt habe, dass man sich, wenn man oben ist, "Berg heil" wünscht, begeben wir uns auf den Abstieg - und prompt passiert es: Ein Mitglied einer Seilschaft in unserer Nähe kommt zu Fall und reißt mehrere andere Bergsteiger am Seil um. Die Seilschaft gerät ins Rutschen, kann sich aber glücklicherweise abfangen, noch bevor mir überhaupt klar ist, welche Gefahr für sie bestanden hat. Erleichtert setzen wir unseren Weg fort zum wilden Pfaff, von dem wir über einen - für mich durchaus abenteuerlichen - Grat in Richtung Müller-Hütte absteigen. Später lese ich, dass sich am Zuckerhütl in den letzten Jahren einige schwere Mitreißunfälle mit Toten ereignet haben. Wie gut, dass Hendrik uns nicht in eine solche Gefahr gebracht hat.

Doch jetzt erst wird der Tag für uns wirklich aufregend: Wir wollen auf dem Becherhaus übernachten, aber schon bevor wir an der Müllerhütte, die auf dem Weg liegt, angelangt sind, kommen Wolken auf. Die Sichtweite liegt bei 15, 20 Metern - kaum, dass ich den Vorausgehenden am Seil sehen kann. Hendrik meint eine alte Spur zu gefunden zu haben, der er Richtung Becherhaus folgen will, ich selbst erkenne gar nichts. Die zweite Seilschaft verschwindet hinter uns im Nebel. Und die Situation wird durch das dunkle Grollen eines aufziehenden Gewitters nicht besser. Nach knapp einer Wegstunde erreichen wir aber tatsächlich unvermittelt den Grat, der zum Becherhaus führt. Nun ist Eile geboten: Sogar Hendrik hat seine völlige Gelassenheit gegen angespannte Konzentration eingetauscht. Er schickt uns vor Richtung Hütte. Der Weg ist ausgesetzt, nass und rutschig, und unsere Eispickel am Rucksack kündigen bedrohlich summend das Gewitter an. Kaum haben auch die Mitglieder der zweiten Seilschaft und Hendrik die Hütte erreicht, bricht das Unwetter los. Ich bin heilfroh, im sicheren Haus zu sein. An einem einzigen Tag habe ich meinen ersten Alpengipfel bestiegen, meinen ersten Grat begangen, meinen ersten Wettersturz und mein erstes Gewitter in den Bergen erlebt - das reicht.

Der Rest ist beinahe ein Spaziergang: Am nächsten Tag erklimmen wir morgens den wilden Freiger und steigen anschließend über einen langen, ausgesetzten Felsgrat und den Sulzenau-Ferner ab. Wir üben Firn-Abfahren und machen ausgiebig Brotzeit, und am Nachmittag sind wir zurück am Auto. Vor der Heimfahrt gibt es noch einen wohlverdienten Apfelstrudel im Café am Ort, und dann ist alles vorbei. Drei Gipfel sind es insgesamt geworden in den vier Tagen: Es waren sicher nicht meine letzten...

 

   
 

 

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